„Ich kann meinen Leuten nicht immer alles sagen.“ – „Wir müssen den Datenschutz beachten.“ – „Das geht nur uns Führungskräfte etwas an. Die Mitarbeitenden können das gar nicht einschätzen.“
Ähnliche Botschaften höre ich in meinen Coachings von Führungskräften immer wieder. In der heutigen Arbeitswelt wird Transparenz oft als wesentlicher Bestandteil effektiver Führung betrachtet. Nur wem ausreichend Informationen vorliegen, wird zielführende Entscheidungen treffen. Nur wer weiß, was gerade gut läuft und was nicht, was von ihm erwartet wird und welche Pläne das eigene Unternehmen für die Zukunft hat, kann sein Handeln entsprechend ausrichten.
Doch wie transparent darf man sein? Kann man seinen Mitarbeitenden alle Informationen immer weitergeben? Gibt es Grenzen der Transparenz? Kann zu viel Transparenz vielleicht sogar Nachteile mit sich bringen?
Transparenz bedeutet Offenheit, Ehrlichkeit und die Bereitschaft, Informationen mit den Mitarbeitenden zu teilen. Diese Praxis steht im Einklang mit dem Konzept der werteorientierten Führung, welches darauf abzielt, Werte wie Vertrauen, Respekt und Integrität in den Mittelpunkt des Führungsstils zu stellen.
Die Vorteile von Transparenz in der Führung
Studien, wie der Gallup Engagement Index, zeigen, dass Transparenz wichtig für die Qualität der Beziehung zwischen Führungskräften und Mitarbeitenden ist. Gleichzeitig ist der offene Umgang mit Informationen eine Grundlage für Kreativität und Innovation. Führungskräften kommt hier eine Vorbildrolle zu. Nur wer transparent Informationen liefert, bekommt ehrliches Feedback und ungefilterte Gedanken von seinen Mitarbeitenden zurück.
Vertrauensbildung und Engagement
Eine der größten Stärken von Transparenz ist die Vertrauensbildung. Wenn Führungskräfte offen über ihre Entscheidungen und die Hintergründe dieser Entscheidungen kommunizieren, fühlen sich Mitarbeitende wertgeschätzt und ernst genommen. Ein Beispiel hierfür könnte ein Unternehmen sein, das in einer schwierigen wirtschaftlichen Lage offen über seine finanziellen Herausforderungen spricht. Anstatt Gerüchten und Unsicherheiten freien Lauf zu lassen, schaffen sie Klarheit und ein Gefühl der Zusammengehörigkeit. Dies kann das Engagement und die Motivation der Mitarbeitenden erheblich steigern, da sie das Gefühl haben, Teil der Lösung zu sein. Wichtig aus meiner Sicht ist dabei, dass trotz einer schwierigen Lage, an Lösungen aktiv gearbeitet wird.
Förderung von Innovation und Kreativität
Transparenz kann auch die Innovationskraft eines Unternehmens stärken. Wenn Informationen frei verfügbar sind, können Mitarbeitende besser verstehen, wie ihre Arbeit in das Gesamtbild passt und wie sie zur Erreichung der Unternehmensziele beitragen können. Ein gutes Beispiel ist Atlassian, der Entwickler von Software-Tools wie Jira und Confluence. Atlassian fördert Transparenz und Zusammenarbeit durch Programme wie „ShipIt Days“, bei denen Mitarbeitende an eigenen Projekten arbeiten und diese dann dem gesamten Unternehmen präsentieren. Diese Veranstaltungen fördern den Wissensaustausch und die Zusammenarbeit zwischen verschiedenen Teams und Abteilungen.
Stärkung einer offenen Unternehmenskultur
Transparenz trägt auch zur Schaffung einer offenen und integrativen Unternehmenskultur bei. Wenn Führungskräfte transparent agieren, setzen sie ein Beispiel für Ehrlichkeit und Integrität, das sich positiv auf das gesamte Unternehmen auswirkt. Mitarbeitende fühlen sich ermutigt, ebenfalls offen und ehrlich zu kommunizieren, was das Arbeitsklima verbessert und Konflikte reduziert.
Die Grenzen und potenziellen Nachteile von Transparenz
Nicht nur die DSGVO und andere Regeln zum Datenschutz setzen der Transparenz Grenzen. So wichtig Transparenz auch ist, gilt es den richtigen Zeitpunkt zu finden, Informationen an das Team weiterzugeben. Ebenso wichtig ist es, Informationen immer in einen Kontext zu stellen. Menschen müssen Hintergründe verstehen, um einen Sachverhalt bewerten zu können und die richtigen Schlüsse für ihr Handeln ziehen zu können.
Ein Geschäftsführer schilderte mir im Rahmen eines Coachings, wie er durch das Teilen einer Information für Panik bei seinen Mitarbeitenden sorgte. In einer Betriebsversammlung teilte er mit, dass der Umsatz im ersten Quartal um 10 Prozent eingebrochen sei. Was er nicht erwähnte, war der Umstand, dass der Markt, auf dem sich das Unternehmen mit seinen Produkten bewegt, im gleichen Zeitraum um mehr als 30 Prozent abgesackt ist. Er hatte angenommen, dies sei allen im Unternehmen bekannt. Im Unternehmen war schnell eine Diskussion in Gang geraten, was man alles schlecht mache und wer für den Umsatzrückgang verantwortlich sei. Auf den Vertrieb und das Produktmanagement wurde geschimpft und ein paar Mitarbeiter verließen sogar das Unternehmen, sahen sie doch schon den Insolvenzverwalter kommen. Eigentlich wollte der Geschäftsführer vermitteln, was für einen guten Job man doch in allen Bereichen mache und deutlich besser abschneide als der Markt.
Überforderung durch Informationsflut
Ein wichtiger Aspekt, der bei der Diskussion über Transparenz berücksichtigt werden muss, ist die potenzielle Überforderung der Mitarbeitenden. Wenn zu viele Informationen ohne klare Struktur und Relevanz geteilt werden, kann dies zu Verwirrung und Stress führen. Mitarbeitende könnten Schwierigkeiten haben, wichtige von unwichtigen Informationen zu unterscheiden, was ihre Produktivität beeinträchtigen kann. Sie geraten ins Grübeln und setzen Informationen ggf. in einen falschen Kontext, was zu falschen Schlüssen führen kann, die u.U. dem Unternehmen Schaden zufügen. Hier gilt es in der Kommunikation durch Führungskräfte Zusammenhänge aufzuzeigen. Nur wer das Warum versteht, findet einen geeigneten Weg, wie er damit umgeht.
Vertraulichkeit und Datenschutz
Nicht alle Informationen sollten uneingeschränkt geteilt werden. Vertrauliche Daten, wie zum Beispiel personenbezogene Informationen oder geschäftskritische Strategien, müssen schon aufgrund der Datenschutzgesetze geschützt werden. Ebenso kann es von Nachteil sein, Informationen über Strategie und zukünftige Pläne des Unternehmens offen zu kommunizieren. Das Risiko ist groß, dass solche Informationen dann auch außerhalb des Unternehmens Gehör finden und dadurch Wettbewerbsnachteile entstehen.
Risiko der Fehlinterpretation
Ein weiterer Nachteil von übermäßiger Transparenz ist das Risiko der Fehlinterpretation. Selbst gut gemeinte und transparente Kommunikation kann missverstanden werden, insbesondere wenn komplexe Themen nicht ausreichend erklärt werden. Dies kann zu Missverständnissen und sogar zu Vertrauensverlust führen, wenn Mitarbeitende falsche Schlüsse ziehen.
Fazit
Transparenz in der Führung ist ein kraftvolles Werkzeug, das Vertrauen aufbauen, Innovation fördern und die Unternehmenskultur stärken kann. Im Rahmen der wertorientierten Führung kann sie dazu beitragen, eine Arbeitsumgebung zu schaffen, in der Ehrlichkeit und Offenheit geschätzt werden. Es ist jedoch wichtig, ein Gleichgewicht zu finden und die Grenzen der Transparenz zu erkennen. Zu viel oder unstrukturierte Transparenz kann zu Informationsüberflutung, Datenschutzproblemen und Fehlinterpretationen führen.
Führungskräfte sollten daher sorgfältig abwägen, welche Informationen wann geteilt werden und wie dies am besten geschehen kann, um die positiven Effekte der Transparenz zu maximieren und ihre potenziellen Nachteile zu minimieren.
